Ostperspektive in Bündnisgrün – Folge 1: Ossis im Glasfahrstuhl oder warum ich als Nachwendekind dennoch ein eigenes Ostbewusstsein habe

Warst du schon mal im Westen? Es gibt im Jahr 2024, wenn auch selten, tatsächlich immer noch Menschen aus den alten Bundesländern, die mir diese Frage stellen. Ich finde ja, für diese Frage ist es etwas spät, denn ich hätte diese Frage schon 1989 mit Ja beantworten können. Und da ich 1989 eine sehr aufgeweckte Vierjährige war und in einer ostdeutschen Familie mit kirchlichen Westkontakten und Westverwandtschaft aufwuchs, war mir der Westen nicht nur als Zerrbild aus DDR-Propaganda bekannt und ich hatte auch schon als Vierjährige eine ausgeprägte Vorstellung davon gehabt, was das ist – der Westen. Ein Bild, das ich seitdem doch ein wenig ausgebaut und ebenso stark revidiert habe.

Zwei Geschwister, zwei Generationen: Nachwendekinder und Wendekinder haben unterschiedliche Zugänge zu ihrem Ostbewusstsein. Das Nachwendekind rechts im Bild bin ich.

Denn der Westen, so dachte ich als Vierjährige, ist ein Land, in dem alles besser ist. In meinem Bild vom Westen waren alle Menschen frei und reich und großzügig. Ich dachte dabei nicht nur an heiß begehrte Westpakete, sondern an unsere Westverwandten mit ihren Taschen voller Geld, mit dem siennur so um sich warfen. Denn ich hatte es ja immer wieder erlebt, wie der Westebesuch in seine Hosentaschen, Rocktaschen und Handtaschen griffen und Hände voller Münzen aus selbigen holten und sie in großen Haufen auf unseren Couchtisch warfen. Aus der Perspektive eines kleinen Kindes hinterlassen von oben herabregnende Münzen durchaus einen bleibenden Eindruck. Was ich damals nicht wusste: Die Münzen waren DDR-Mark, die alle Westbesucher*innen bei der Einreise an der DDR-Grenze tauschen mussten. Pro Tag pro Besucher*in waren 25 D-Mark in 25 DDR-Mark umzutauschen (was mitnichten den eigentlichen Kurs widerspiegelte, der zwischenzeitlich bei 1:10 lag). Ein Rückumtausch bei der Ausreise oder im Westen war nicht möglich. Viele Westbesucher*innen hatten deswegen am Ende ihrer Ostreise DDR-Geld übrig, mit dem sie einfach nichts anfangen konnten. Und deswegen luden sie es bei meiner Familie ab, die in Eisenach nahe der Grenze wohnte, und ich dachte: Alles Millionäre, diese Wessis (ich bitte den Ausdruck „Wessi“ zu entschuldigen, aber er war bis hin zu „ist“ hier im Osten durchaus geläufig, auch wenn ich ihn – ich schwöre – nüchtern nie verwende, das versteht sich von selbst).

Schon wenige Wochen nach der Grenzöffnung also, als wir plötzlich von den immer nur Besuchten zu eigenständig Besuchenden werden konnten, war also die Antwort auf die Frage, ob ich schon mal im Westen war, bereits mit Ja zu beantworten. Denn meine Eltern hatten schließlich für die Grenzöffnung mutig,friedlich, entschlossen und mit hohem Risiko auf der Straße gekämpft. Natürlich zog es sie sofort in den Westen, sobald die Grenze offen war, und natürlich waren meine Geschwister und ich dabei. Ich erinnere mich, obwohl ich noch sehr klein war, an den Glasfahrstuhl im West-Einkaufszentrum. Ich meine, es war Weihnachtsbeleuchtung zu sehen, alles glitzerte und der Fahrstuhl war aus gut geputztem Glas, das war wie im Märchenland. Immer wieder fuhren meine drei Geschwister, meine Eltern und ich mit großen Augen und in hässlichen Anoraks hoch und runter und und runter und hoch und starrten und staunten. Nicht weniger großäugig war die Reaktion der westdeutschen Einkäufer*innen ob der Darbietung der im Glaskasten auf- und abfahrenden Ossis (und ich denke ja, auch dieser Ausdruck war und mitunter ist durchaus geläufig – aber korrigiert mich gern, wenn ich mich irre).

Und damit, liebe Freund*innen, sind nahezu alle meine eigenen DDR- und Wendezeiterinnerungen auserzählt. Und es ist deswegen durchaus verständlich, warum Menschen meines Jahrgangs, obwohl in der DDR geboren, schon als Nachwendekinder zählen. Menschen wie ich kennen die DDR fast ausschließlich aus Erzählungen, sind im wiedervereinten Deutschland in die Schule gegangen und damit in einer Demokratie groß geworden. Was wissen wir schon über den Osten und was soll denn die DDR für uns schon für eine Bedeutung haben, denn es war ja alles vor unserer Zeit… Schade eigentlich, denn der Plan ist ja, textgewordene Ostpakete wie dieses regelmäßig auszusenden, um eine ostdeutsche grüne Perspektive über die ehemalige innerdeutsche Grenze hinaus zu teilen, aber was hab ich als Nachwendekind dazu schon zu sagen?

Tatsächlich so einiges. Es ist ein Trugschluss, wenn man meint, dass mit der Wiedervereinigung, einfach so, aus zwei Ländern eins wurde und dass alle Nachgeborenen damit per Geburtsjahr ostunabhängig bundesdeutsch wurden.
Natürlich ist eine Nachwendeperspektive eine spezifisch ostdeutsche, aber eben eine andere als die von Menschen, die in der DDR gelebt, geliebt, gelacht und gelitten haben.
Ich habe zum Beispiel nie die Kränkung gespürt, die für meine großen Schwester Alltag war, die als Klassenbeste dennoch nie eine der vielen Auszeichnungen für starke Schülerinnen bekam, weil meine Eltern entschieden hatten, ihre Kinder nicht der staatlichen Indoktrination in der Pionierorganisation auszusetzen – aber wer kein Thälmann-Pionier war, konnte eben nicht zu den Besten gehören. Ich habe nie die Angst meiner Eltern gefühlt, wenn einer von beiden nach dem Friedensgebet mit auf die Straße ging, eben immer nur einer von beiden, weil man ja nicht sicher wusste, ob man danach abends zu Hause oder im Gefängnis sein würde und die vier Kinder auf keinen Fall in staatliche Obhut geraten sollten.

Aber ich kenne eine andere Angst, die um mein großes Kind, das auf Antifa-Demos geht, bei denen ich nicht immer dabei sein kann, und ich nicht weiß, ob es wohlbehalten heimkommt oder ob diesmal die Faschos es schaffen, in den Zug einzudringen und nicht, wie letztens am ersten Mai, von den Aktivisti mit Feuerlöschern auf dem Bahnsteig gehalten werden können.

Und ich kenne, wie meine Eltern, das Gefühl, jetzt auf die Straße gehen zu müssen, jetzt politisch aktiv werden zu müssen, aus einem Verantwortungsgefühl heraus, das es mir nie verzeihen würde, bliebe ich heute inaktiv, wo es doch gerade um alles geht: um Freiheit, um Menschenrechte, um Demokratie.

Ich bin aktiv Bündnisgrüne, weil ich ein Nachwendekind bin.


Ich bin politisch aktiv, ich bin aktives Mitglied bei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, eben weil ich Ostdeutsche bin und als Kind von friedlichen Revolutionär*innen nicht anders kann als mich einzubringen. Ich bange um mein Kind auf Antifa-Demos, und ich organisiere selbst Demos gegen Faschismus und für Demokratie, weil ich ein Nachwendekind bin und weil es für meine Identität, für das, was mir wichtig und schützenswert ist, eine große Rolle spielt, wie die Gesellschaft ist, in der ich lebe. Und diese Gesellschaft hat Wurzeln in der DDR, genau wie ich, und das ist bedeutsam, so oder so. 40 Jahre Diktaturerfahrung und der insbesondere von der CDU bundesweit, aber in Sachsen auch sehr landesspezifisch schlecht organisierte Zugang für Ostdeutsche zu positiven, selbstwirksamen und selbstbewusst-ostdeutschen Demokratieerfahrungen haben hier ein Umfeld geschaffen, in dem die Demokratie erneut erkämpft werden muss – diesmal geht es nicht um das Ende einer Diktatur, sondern um das Verhindern ihrer Anfäng

Ich kann nicht für alle sprechen, aber ich nehme in meinem Kreisverband folgendes schon sehr deutlich wahr: Als Chemnitzer Bündnisgrüne (und für uns ist es wichtig, dass vor Grün ein Bündnis steht) – für uns ist das öffentliche Outing als Grüne ein antifaschistisches Statement und wir sind stolz darauf. Egal, ob du eingetreten bist, um das Klima zu schützen, um Faschismus aufzuhalten und für Gleichstellung zu kämpfen, um die Verkehrswende voranzutreiben oder den Wald zu retten, oder ob du schon vor 1990 politisch aktiv warst – im neuen Forum, in der Umweltbewegung oder im christlichen Widerstand und Bündnis 90 schon geprägt hast, bevor das Wort Grün angehängt wurde, für steht fest: Unser Engagement ist klar für eine gute Zukunft und genauso klar gegen eine Zukunft, in der Faschist*innen den Ton angeben.

Ich nehme euch, liebe Freund*innen, mit den folgenden Texten mit auf eine Reise in den Osten. Ich baue euch Fahrstühle aus Glas, von denen aus ihr sehen könnt, wie das so ist, das Leben und Tun als Bündnisgrüne im wilden Osten. Ich greife in meine Taschen und werfe euch haufenweise meine individuellen Osterfahrungen auf den Tisch. Und wer weiß, vielleicht kommen wir ja aus den Glasfahrstühlen raus und begegnen uns mit offenen Armen und lernen auf Augenhöhe wechselseitig voneinander – ich würde mich freuen.