– geschrieben im Schienenersatzverkehr zwischen Leipzig und Chemnitz
Wer aus Fortunas Hamsterrad entkommen will, wer endlich einmal alle Kontrolle abgeben und sich treiben lassen will – hinein in eine ungewisse Zukunft –, der sollte in seiner Bahn-App Ausschau halten nach zwei verheißungsvollen kleinen Wörtern: Zug entfällt.
Allein die Poesie dieser Phrase, die Vorstellung eines fallenden, gar entfallenden Zuges, der dennoch einen Abfahrtsort hat, kann Fans osteuropäischer Grotesken zu Spontanorgasmen verleiten. Doch keine Sorge, wenn sich hier der Höhepunkt noch nicht einstellt: Die Zukunft fängt gerade erst an.
Ich stehe am Bahnhof Leipzig auf Gleis 23, mein Zug tut nicht, meine App verkündet die Schicksalsphrase, und ich wandele willenlos wie mir geheißen zur „Ostseite“. Hier muss ich korrigieren. Der Indikativ war leider ein Wunschtraum, ich wandelte ja – wüsste ich, wo die Ostseite wäre. Ich frage einen Schicksalsgenossen, er kommt aus Baden-Württemberg und antwortet wenig hilfreich: „Für uns isch das hier alles Oschtseite.“
Mein innerer Sherlock beschließt, für die nächste Ortsauskunft auf Anzeichen für Ortsansässigkeit zu achten. Nur woran erkennt man einen schweigenden Sachsen? Nach kurzer Verlorenheit finde ich ein Rudel schlecht gelaunter Menschen, die in einer Reihe stehen – das muss die Ostseite sein. Und richtig. Pünktlich 20 Minuten nach Abfahrtszeit erscheinen ausreichend Schienenersatzverkehrbusse, deren Sitzplatzanzahl mindestens halb so groß ist wie die Anzahl der Reihensachsen auf der Ostseite. Vor mir hält der zweite Bus. Was wäre wohl geschehen, hätte ich hier Einzug oder besser Einbus gehalten?
Ein mies gelaunter Busfahrer macht eine Ansage, deren Sinn mir einen Standortvorteil verschafft – der zweite Bus, also der, vor dem ich stehe, ist der Expressbus, der ohne Zwischenstopp nach Chemnitz fährt. Der vordere Bus hält aber auch nur viermal, sage ich mir tröstend, als ich in ihm einen der letzten Plätze ergattere. Des Schicksals Treiben – es hat begonnen.
Von Haus aus Protestantin, kann ich den Anblick der traurigen Gesichter vor der Busscheibe kaum ertragen und beschließe umgehend, am kommenden Sonntag sehr innig für sie Fürbitte zu halten. Auch wenn es mich in den Verliererbus gespült hat – das launige Schicksal –, so gehöre ich doch immer noch zu den Privilegierten. Vollständig lässt sich ein protestantisches Gewissen nie wegbeten, und wahrscheinlich sind die Ostseitenverlierer großteils Heiden und können mich nicht einmal vernünftig verfluchen.
Der Busfahrer macht eine Durchsage und bewirbt sich vorübergehend um eine Stelle auf meiner Mitleidsliste – er hatte eigentlich schon Feierabend, als der Anruf kam, und SEV hat er noch nie gemacht. Akustisch gut verstärkt, raunzt er darauf jedoch eine der Ostseitenverliererinnen an, die es wagt, noch einmal hoffnungsvoll den Kopf zur Tür hereinzustrecken – vielleicht ist ja zwischenzeitlich jemand gestorben? Ich streiche spontan drei Fürbitten, und in Sachen Mitleid ist der Busfahrer entlassen. Ach, hätte die Mitteldeutsche Regiobahn es mir in der Vergangenheit gleichgetan … Mir ist die Absurdität dieses Wunsches bewusst, nur ist die Absurdität aktuell meine engste Vertraute.
Zum einen ist es absurd kalt im Bus. Die digitale Temperaturanzeige zeigt 10 Grad Celsius, Tendenz fallend, und die Klimaanlage will Mitarbeiterin des Monats werden. Ich stehe auf offener Landstraße auf, um höflich, zurückhaltend und entspannt wie eine Fahrstuhlmusik den Busfahrer mit Verweis auf die Temperaturanzeige zu bitten, die Klimaanlage doch abzustellen. Auch bei der Wiederholung der Bitte unter Ausschluss des Anzeigenverweises und mit weniger Fahrstuhlmusik im Unterton bleibt die Antwort des Fahrers die gleiche: „Die Temperaturanzeige ist kaputt.“
„Aber mein Temperaturempfinden ist es nicht“, begehre ich auf.
„Die Temperaturanzeige ist kaputt.“
„Können Sie dennoch die Klimaanlage ausstellen?“
„Nein. Die funktioniert doch.“
Ich gebe auf, lasse mich zu meinem Platz zurücktreiben. Wenn es Fortunas Wille ist, dass ich erfriere, wer bin ich, dass ich interveniere?
Der Busfahrer und die Google-Stimme scheinen währenddessen in einer tiefen Beziehungskrise zu stecken. Der Dialog ist sehr einseitig: Sie gibt Anweisungen, er schweigt passiv-aggressiv und fährt extra nach links, wenn sie „rechts abbiegen“ fordert. Ich schätze, die Silberne Hochzeit ist nicht weit.
Als die A-altankstelle, mit dem defekten R, zum dritten Mal an uns vorüberzieht, werden die Ureinwohner im Bus unruhig.
„Sie hätten aber vorhin rechts fahren müssen.“ sagt eine kräftige Stimme unter ihnen.
„Und jetzt?“ fragt der Busfahrer und lässt sich ab da von der stimmlich gut ausgestatteten Wurstfachverkäuferin leiten.
Der ganze Bus kennt nun ihren Beruf, weil wir eben gemeinsam an ihrer alten Arbeitsstätte vorbeigefahren sind – war ja nur ein kleiner Umweg.
„Und hier“ spricht die Wurstfrau alsbald, „und hier wohn ich.“ Der Busfahrer hält hörig und erkundigt sich dann schüchtern nach dem Weg zum Bahnhof.
„Ach ja.“ spricht die Stimmmortadella. „Na, fahren Sie mal weiter. Ich hab das Auto ja auch am Bahnhof stehen.“
Wir erreichen Bad Lausick, unseren ersten Halt, ohne weitere Umwege. Ein Ersatz für die Wurstfrau will erstmal gefunden sein. Wir winken dem kleinen Salamimobil sehnsüchtig hinterher. Leb wohl, liebe Wurstfrau, du wirst fehlen.
Ab jetzt wird chorisch navigiert. Um anfängliche Uneinigkeiten zu vermeiden, wählt der Bus demokratisch eine neue Stimmgruppenführerin. Sie navigiert uns mit wenigen Wendemanövern bis Geithain und schließlich, nachdem wir nur einmal den Rückwärtsgang gebraucht und nur zweimal eine Straßensperrung ignoriert haben, nach Narsdorf. Hier verlässt auch sie uns. Die Besten gehen immer zuerst.
Als wir den Bahnhof Narsdorf ohne Leitung verlassen, sehe ich durch die Scheibe einen Zug, an dem in großen Lettern „CHEMNITZ“ zu lesen ist, im Bahnhof einfahren. Man hat in den vergangenen zwei Stunden wohl die betriebliche Störung behoben. Der Busfahrer reagiert auf die Rufe im Bus jedoch konsequent und beschleunigt abrupt.
Ich versuche mich kurz und mit Blick auf den Notfallhammer an einer Risikoabschätzung. Physik war jedoch nie meine Stärke, und die Flugkraft ist wohl nur Xenas Freundin. Ehe ich mich versehe, sind wir am Ortsausgang.
Eijeijeijeijei. Züge habe ich seitdem nie wieder gesehen. Ich weiß nicht, ob sie noch existieren.
Google hat leider die Scheidung eingereicht, die letzte fachkompetente Domina ist in Narsdorf geblieben, also wählen wir verzweifelt die einzige verbleibende Wurstfachverkäuferin im Bus. Leider verfügt sie zwar über Überzeugungskraft, nicht jedoch über Ortskenntnis, und Netz hat hier wirklich niemand mehr.
„Jetzt fahren wir ohnehin auf die Autobahn.“ entscheidet der Busfahrer.
Die Ureinwohner scharren unruhig mit den Hufen. Auf der Autobahn kennen sie sich nicht aus. Der Ältestenrat des Busses, der sich vor drei Stunden nach zähen Verhandlungen konstituiert hat, ist dagegen. Wir fahren wieder ab. Beim letzten Reifenwechsel war der Busfahrer vorübergehend verschwunden. Als er vom Berg hinunterkam, brachte er uns zwei Steintafeln mit. „Du sollst nicht töten“, lese ich meiner kürzlich erblindeten Sitznachbarin vor. Sie ist sauer auf mich, weil ich den Zeitpunkt ihrer Erblindung leider verschlafen habe. Das versuche ich seitdem durch Lesungen wieder wettzumachen. Auf den vom Fahrer gebrachten Gesetzestafeln lese ich also: „Du sollst nicht töten.“
„Und wovon“, mokiert die Wurstfrau, „und wovon sollen wir dann leben?“ Sie ist wohl immer noch sauer, weil der Busfahrer unser selbst gebautes silbernes Kalb aus Hartschalenkoffern, das wir beim letzten Tanken um eine Navigation nach Burgstädt angefleht hatten, zerschlagen hat.
Wir stoppen schon wieder. Gerade hat der Bus ein Eichhörnchen überfahren. Der Fahrer schenkt es der Wurstfrau zur Versöhnung, und sie willigt ein, wieder die Ansagen zu übernehmen. Meine Enkelin – meine Tochter hat sie damals Aral getauft – hat die Pause genutzt, um an der Kreuzung rasch zwei Kinder zu entbinden. Sie ist mittlerweile eine fähige Geburtshelferin geworden. Ich bin froh, dass sie immer höflich zur Wurstfrau war und ich sie behalten durfte. Manchmal denke ich wehmütig an BP und Shell zurück. Ich nutze die sentimentale Stimmung und diktiere Aral die Änderung meines Testaments. Ich möchte doch nicht im Gepäckfach abgelegt werden; sie soll meine Asche von der Klimaanlage verstreuen lassen. „Ach, Oma“, spricht Aral augenzwinkernd, „das hätten wir doch ohnehin gemacht.“
Wir sind wieder gestartet, und ich fühle, dass ich Burgstädt und all seinen Milch und Honig nicht mehr erreichen werde.
Plötzlich herrscht Aufregung im Bus – Googles Stimme ist zu uns zurückgekehrt: „Bei der nächsten Möglichkeit bitte wenden!“ Ach, Google, dazu ist es doch längst zu spät.
„Geradezu!“, brüllt auch die Oberwurst.
Kurz bevor ich für immer entschlafe, zupft eine winzige Hand nervös an meinem Ärmel. „Uroma“, flüstert die kleine Sackgasse. „Schau, da drüben, da ist Burgstädt.“ Und tatsächlich, ich blicke zum linken Fenster hinaus und entdecke Häuser, Lichter und ein Ortseingangsschild in der Ferne. „Egal“, hauche ich, „der Weg ist das Ziel“ und fühle die letzte Rechtskurve meines Lebens. Meiner Urenkelin hätte ich gern zum Abschied noch ein Bussi gegeben.
