Es gibt Menschen, die ziehen gerne um. Aber es gibt ja auch Menschen, die gerne Kloputzen, Menschen, die das Gefühl geimpft zu werden, mögen, Menschen, die gern Bananen essen und Menschen, die die AfD wählen.
Ich für meinen Teil, und mein Teil der Weltwohnfläche beträgt immerhin ein Fünftel von 110 Quadratmetern (wie groß mein Teil genau ist, dürfen von mir aus Menschen ausrechnen, die gern Mathe machen). Ich für diesen Teil jedenfalls schätze Umziehen realistisch als das ein, was es ist: ein muskelaufbauender, nervenabbauender Mammutakt – und Mammuts sind nicht ohne Grund ausgestorben. Umgezogen zu sein, in der entlastenden Nachzuständigkeit, die dem Partizip 2 innewohnt, bei dem ohnehin immer alles zu spät ist, in Kombination mit dem Zu-Infinitiv, der keine Handelnden erlaubt, umgezogen zu sein also finde ich wunderbar.
Auch geimpft zu sein, führt ja einen guten Nachzustand herbei, das Klo geputzt zu haben, ein geputztes Klo, Bananen gegessen zu haben, stärkt den Vitaminhaushalt, nur AfD gewählt zu haben, bleibt ein Griff ins Klo, ob dies nun geputzt ist oder nicht – auch bei blauer WC-Ente bleibt die Scheiße braun.
Aber umgezogen zu sein, bedeutet eine neue Wohnung zu haben, Platz, Gestaltungsraum, neue ungeahnte Möglichkeiten.
Wenn Gott eine Tür schließt, heißt es, öffnet er eine andere. Sollte Gott zu Ihren Umzugshelfer*innen gehören, sagen Sie ihm aber, er möge beide Türen eine Weile lang gleichzeitig geöffnet halten, sonst ist das blöd mit den Kisten und den Möbeln.
Die besten Umzugshelfer*innen hängen die Tür ohnehin eigenständig und ungefragt aus den Angeln, denn sie bringen das mit, was es bei einem Umzug braucht: Muskelkraft und Entscheidungsfreudigkeit. Mit Blick auf Ihren nächsten Umzug sollten Sie Ihren Freundeskreis vielleicht schon jetzt einer gründlichen Diagnostik unterziehen. Einfach bei der nächsten Party potentiellen Umzughelfer*innen zur Begrüßung überschwänglich in die Arme springen und dort eine ganze Weile unauffällig hängen bleiben. Zum Screening der Entscheidungsbegabung wie zufällig eine telefonbuchdicke Cocktailkarte und eine Stoppuhr bereithalten.
Alle mit einem Klammeraffen-Score über und einer Cocktailentscheidungsleistung unter 5 Minuten haben das Umzugscasting bestanden, der Rest hat beim Umzug frei, denn glauben Sie mir: Mehr Helfer*innen sind nicht das gleiche wie mehr Hilfe. Ich weiß, wovon ich rede.
Meine esoterische Freundin zum Beispiel ist von Entscheidungen grundsätzlich überfordert, das Universum mutet ihr schon genug zu, aber meine mitten im Flur stehende Schwiegermutter beriet sie bei unserem letzten Umzug dennoch entschieden zur Wahl potentieller mit ihrem Aszendenten und Biorhythmus harmonisch ausgeglichenen Duftöle für Vollmondnächte. „Helfen die auch gegen Krampfadern?“ will meine Schwiegermutter wissen und schon ist ein Gespräch zum Thema Selbstachtung auf dem Weg zur Selbstliebe im Gang (und zwar wirklich im Gang zwischen Wohnzimmertür und Eingang, dort, wo niemand gerade vorbei muss und ich natürlich gern wartend stehe, die ich meinte, zwei Bücherkisten gleichzeitig tragen zu können, welche jetzt auf dem angewinkelten Bein gewichtig zwischenlagern, während ich mich frage, ob Skorpione von Krampfadern vermehrt betroffen sind.)
Bevor es überhaupt zu gesundheitsschädigender Buchhaltung kommen kann bei einem Umzug, muss natürlich erst die Phase des Einpackens absolviert werden. Es gibt Personen, die sich in dieser Phase radikalisieren.
Ich gehöre nicht dazu, ich schmeiße nur weg, was wir wirklich nicht mehr brauchen. Zugegebenermaßen gibt es hier vielleicht ein gewisses semantisches Spektrum von „brauchen“ und ich bin da eher zentral (Nein zu angeschlagenen Tassen), wohingegen mein Mann es eher peripher verstehen will (aber Schatz, die Tasse ist vom Tisch gefallen, als wir uns drei Tage nach unserem 4. Hochzeitstag zum fünften Mal darüber gestritten haben, ob alte Bananen gegessen oder weggeschmissen werden, weißt du noch?) Nein, ich weiß nicht mehr und ich schmeiße Bananen aus Prinzip weg und alte Tassen auch, nicht weil mich die Wegschmeißwut packt, sondern weil es vernünftig ist und weil es Bananen sind. Immerhin begegnen mein Mann und ich uns durch unsere Auffassungsunterschiede in Sachen Aussortieren trotz aller Hektik der Umzugsvorbereitungen vermehrt – und zwar im Treppenhaus, ich auf dem Weg zur Tonne, den Arm voller Unbrauchbarkeiten, er auf dem Weg von der Tonne, den Arm voller geretteter Objekte – es ist der ewige Kreis.
Einmal traf ich ihn auf einer solchen Rundtour mit der Katze im Arm, die er angeblich aus der Papiertonne gerettet hatte. Ich habe die Katze natürlich nicht weggeschmissen. Auch wenn die Kinder mir in den Rücken fallend behaupteten, ich hätte die Katze in die Luft gehalten und gefragt, ob die noch jemand braucht. Das ist natürlich nicht wahr, und ich habe auf meine Frage auch keine Antwort vernommen. Mein Mann ist dennoch entsetzt, Mülltrennung ist doch keine Bagatelle…
An dieser Stelle und auch mit Blick auf Schwiegermutter und Patchouli-Freundin möchte ich nachdrücklich, wie die Druckerpresse im Bestsellerverlag, zum Ausdruck bringen, dass wir uns aktuell im Bereich der Fiktion bewegen. Für den vorliegenden Text sind keine Tiere zu Schaden gekommen, Duftöle, Krampfadern und Tierkreise spielen in meinem Freundeskreis nicht die geringste Rolle, ich habe nicht mal ein Sternzeichen und meine Schwiegermutter hat wirklich noch nie bei einem Umzug geholfen. Selbst meine Kinder haben mittlerweile verstanden, dass ich, entgegen getroffener Angaben am Bettrand, nicht mit Lamas reden kann, noch nie auf einem Staubsauger zum Blocksberg geflogen bin und bei der Erfindung des Feuers keine allzu entscheidende Rolle gespielt habe. Allerdings glauben sie mir auch nicht mehr, dass die Welt früher schwarzweiß war, obwohl man das ja nachweislich auf alten Aufnahmen sieht, aber wenn einmal Zweifel gesät sind, gedeiht beim Kind kein Narrativ mehr. Apropos Kinder, die sollte man beim Umzug vermieten, zeitweise kinderlosen Paaren als Entscheidungshilfe zur Seite stellen – die Welt ist ohnehin überbevölkert. Die Introvertierten können Sie natürlich auch während des Umzugs in Ihrer Nähe behalten. Das merkt keiner. Als ich das introvertierte Kind nach dem Streichen zum Mal-wieder-Pizza-Essen rief, bewegte sich die frisch gestrichene Wand, zurück blieb ein kindsgroßer Umriss in Altwandfarbe und ein etwas eintöniges Kind, mein Mann aber kann Gedanken lesen und meinte, dass wir das Kind durchaus noch brauchen. Und schon ist wieder ein Text entstanden, den man den Kindern nicht vorlesen kann, der Weg ist frei für nicht jugendfreies, aber dafür ist beim Umzug nun wirklich leider keine Zeit. Unser Umzug selbst verlief völlig störungsfrei, was kann schon schiefgehen und wer sagt eigentlich, dass schief für Umzugsautos ein Problem ist? Ja, warum sagt denn wirklich keiner, dass Waschmaschine, Bücherkisten und die geerbte Findlingssammlung (angeblich brauchen wir die ja noch) nicht auf einer Seite der Ladefläche lagern sollten, sondern man mit den Bettdeckensäcken und Zimmerpflanzen hätte mischen sollen? Meiner Schwester zum Beispiel hätte man das gar nicht sagen müssen. Meine Schwester weiß so etwas, sie ist ohnehin die perfekte Umzugshelferin. Leider war sie bei der ersten Fuhre nicht am Auto zugegen, weil sie gerade selbstständig mit links den gesamten Schlafzimmerschrank durchs Treppenhaus trug, rechts balancierte sie das Klavier.
Die Effizienz, die aus Muskelkraft im Verhältnis zu Körpergröße entsteht, toppt sie nur noch mit ihrer Geschwindigkeit. Ihre kleinen körperlichen Packmaße machen sie zudem auch praktisch im Laderaum des Umzugsautos transportierbar, sodass sie auch beim Hochtragen übergangslos mithelfen kann. Meine Schwester transportierte bei ihrem Umzug, und das ist wahr, aus Versehen die Waschmaschine in die 6. statt 5. Etage, was sie erst an der unbekannten Fußmatte merkte. In allen Chuck-Norris-Witzen lässt sich widerspruchsfrei Chuck Norris durch „meine Schwester“ ersetzen. Wenn meine Schwester Liegestütze macht, drückt sie die Welt nach unten, und wenn sie in die Steckdose fasst, bekommt das Kraftwerk einen Schlag. Meine Schwester wurde mal auf Latein beleidigt, seitdem ist das eine tote Sprache. Grandios wäre in diesem Zusammenhang, wenn es einen Chuck-Norris-Witz darüber gäbe, wie ein zu großes Sofa, das Chuck Norris mit seinem Vater unter Verlust seines Erbanteils mehrere Etagen durch das enge Treppenhaus gewuchtet hat, wenn also in diesem Witz dieses Sofa dann doch im engen Flur um die Ecke in das nur geringfügig kleinere Wohnzimmer passen würde. Doch selbst meine Schwester und Chuck Norris können hier nicht helfen. Menschen, die Mathematik mögen, hätten das ja mal ausrechnen können. Aber nein, so stehen wir also jetzt da, auf den wenigen Quadratzentimeterchen, auf denen nicht Sofa ist, und betrachten die im Flur verkeilte Couch. Es ist aussichtslos, Physik schlägt Gottvertrauen und die Wechselpräpositionen lachen uns aus: Ja, in dem Wohnzimmer hätte das Sofa gepasst, aber in das Wohnzimmer eben nicht. Zeit für eine Pause, findet die esoterische Freundin, denn Pausen sind wie schwarze Löcher im Universum – anziehend und schnellausdehnend. Die erwachsenen Helfer*innen trinken erstmal ein Bier, danach geht zwar nichts besser, aber man merkt es weniger. Meine Schwiegermutter bietet an, für alle Pizza zu bestellen. Wunderbare und großzügige Idee finden wir, und mein Mann muss auch lediglich das Auswählen, Telefonieren und Bezahlen übernehmen.
Das extrovertierte Kind findet das Hochkant-Sofa im Flur zum Brüllen und zum Klettern, das Introvertierte hat sich gegen die Schwerkraft Schlafen gelegt, zum Glück ist die Farbe mittlerweile getrocknet.
Es gibt ja Menschen, die ziehen gerne um. Ich für meinen Teil hasse Bananen, bin durchgeimpft, werde niemals die AfD wählen, putze, wenn nötig, das Klo, aber nicht gern und möchte nie wieder umziehen. Warum auch? Das Sofa steht sehr gut im Treppenhaus. Winters ist uns vielleicht etwas kalt an den Füßen, aber das ist ja im Sommer besonders schön. Die Nachbarn haben natürlich verstanden, dass wir das Sofa nicht wieder hinunterwuchten wollten. Mein Mann war ja nun schon enterbt und wollte nicht auch noch die Schulden haben. Wenn Gott ein Sitzmöbel auf den Treppenabsatz stellt, nickt Chuck Norris anerkennend. Die von oben pausieren mitunter in unserer Sitzecke, bevor sie bereitwillig ihre Wasserkisten über die Rückenlehne heben. Zum Tatort kommen die aus dem Erdgeschoss vorbei, beim Fußball die von oben, bei Anne Will will niemand mit schauen, auch nicht die Familie, die neben uns wohnt und die wir bis jetzt trotz der netten Hausgemeinschaft noch gar nicht kennengelernt haben, obwohl das Sofa bestimmt nicht ihre Eingangstür blockiert. Im leerstehenden Wohnzimmer haben Schwiegermutter und Esofreundin eine Schamanserei eröffnet, der Kater ist Ehrenvorsitzender, qualifiziert durch die Nahtoderfahrung in der Tonne. Meine Schwester trennt übrigens überhaupt keinen Müll, aus Angst trennt der Müll sich von selbst. Zum Thema Trennung kann ich nur sagen: Mein Mann mag mich zum Glück immer noch, obwohl er, als er Legosteine in der Tonne gefunden hat, Scheidungspapiere ausgedruckt hat. Aber keine Sorge, die hab ich längst weggeschmissen. Wie glaubwürdig ist es eigentlich, dass es Menschen gibt, die gerne umziehen? Denn schließlich habe ich auch keine Katze, keine WC-Ente und unser Treppenhaus ist im Winter gar nicht so fußkalt. Aber ich schwöre: Meine Schwester, die isst wirklich keinen Honig, die kaut einfach die Bienen …

Heute,drei Jahre später, beim Geburtstagsnachfrühstück in unserem Haus-Café haben wir uns köstlich amüsiert. Dein Text stärkt immer wieder die Lachmuskeln! Liebe Coretta, du bist die geborene Comedian! Hat dich schon jemand entdeckt?