Ach Stella, das hat dich schon richtig wütend gemacht, dass der böse Spiegel-Journalist eure mit so viel Ehrgeiz vorbereitete kleine erste Nazi-Reihe in der eher mittelmäßig großen Nazidemo zur Kulturhauptstadteröffnung als „Kinder-Gruppe“ bezeichnet hat. Nicht wahr?
So richtig erfolgreich war eure Aktion ja ohnehin nicht – andere Menschen (und zwar Abertausende davon) hatten am 18.01. Spaß in Chemnitz, gute Laune bis hin zu Kulturhauptstadtfreudentaumel … Chemnitz tanzte vor Begeisterung und ihr standet da irgendwie rum und wart irgendwie dagegen. Euch gegenüber mehrere 1000 Gegendemonstrant*innen – obwohl eigentlich wart ihr ja die Gegendemonstrant*innen, die anderen, also wir anderen, waren vor allem FÜR eine bunte Stadt auf der Straße.
Wir hatten bunten Luftballons, die „Omas gegen rechts“ verteilten Kekse und ihr hattet in eurer Kinderdemo keine Ballons, keine Kekse, sondern nur eure Wut (worauf eigentlich) und euer schwarzes Fronttransparent.
Aber erzähl ruhig mal, Stella: Hattet ihr das Transparent ganz allein extra für die Demo gebastelt? Oder haben euch die großen Nazis dabei geholfen? Die eckigen Buchstaben des Schriftzugs „Chemnitz-Revolte“ waren schon sehr fein mit weißem Klebeband auf den schwarzen Stoff aufgeklebt. Aber jetzt mal ehrlich, Stella, beim ersten „E“ war der Mittelstreifen leider etwas krumm, nicht wahr? Sehr ärgerlich. Dürfen deutsche „E’s“ überhaupt krumm sein? Soll das die deutsche Gründlichkeit sein? Bekommt ihr Ärger von den großen Nazis, wenn das deutsche „E“ nicht ganz gerade ist? Und loben euch die großen Nazis eigentlich, wenn ihr brav migrantische Personen oder queere Menschen anpöbelt oder bedroht? Wie fanden die alten Nazis es denn, als ihr die Bar Balboa angegriffen habt? Gab es da ein Bienchen im Muttiheft? Waren sie da stolz auf ihre Kinder-Gruppe? Ach, entschuldige, Stella, du magst es ja nicht, wenn deine coole Nazi-Gang als Kinder-Gruppe bezeichnet wird. Wenn du mal wieder ein Interview gibst – so wie auf der Gegendemo zur Kulturhauptstadteröffnung – dann erzähl doch gern mal, warum ihr es eigentlich cool findet, zu einer Gruppe zu gehören, die vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingeschätzt wird (ich würde das mal frei mit „geschichtsvergessen, dumm, brutal“ übersetzen). Deine Antwort darauf, würde mich nämlich wirklich interessieren.
Und euch, liebe Leser*innen, interessiert mittlerweile vielleicht, ob Stella – jugendlich, Chemnitzerin, mutmaßlich Faschistin – und ich – doppelt so alt, Chemnitzerin, definitiv Antifaschistin – uns eigentlich kennen, wenn ich ihr hier schon so nette Briefe schreibe. Die Antwort ist: Nein, wir kennen uns nicht. Dass ich weiß, wie sie heißt und wie sie aussieht, liegt an der Intelligenzbegabung eines anderen Chemnitz-Revolte-Nazis, der vor laufender Kamera von Spiegel TV Stella mit Klarnamen aufforderte, keine Interviews zu geben. Echt mal, Stella, hör auf den schlauen Glatzenbruder, der ist offensichtlich euer Experte für Datenschutz.
Es kann sogar sein, dass Stella auch mich kennt. Schließlich bin ich schon mehrfach von Chemnitz-Revolte-Nazis angepöbelt worden – und das nicht nur dann, wenn ich am Wahlkampfstand stand, sondern auch einfach so mitten im Einkaufszentrum. Und angepöbelt zu werden, finde ich tatsächlich weder niedlich noch witzig.
Ich habe zum Texteinstieg ganz gern so getan, als ob ich Stella und ihre Jungs mit den schwarzen Jacken, nackten Köpfen und braunen Gedanken nicht so richtig ernst nehme – aus rhetorischen Gründen und weil ich insgeheim hoffe, dass Stella diesen Text irgendwann mal liest und sich ärgert, dass sie keiner ernst nimmt, wo sie doch sooo cool rechts ist. Aber eigentlich nehme ich die zunehmende Präsenz der Nazi-Gruppe Chemnitz-Revolte in der Stadt sehr ernst. Denn es ist ernst zu nehmen und ein Zeichen für eine selbstbewusste, gewaltbereite, faschistische Kraft, wenn gut erkennbare Chemnitz-Revolte-Nazis mit verschränkten Armen in Gruppen in der Nähe unserer Wahlkampfstände rumstehen, um Raum zu markieren. Es ist ernst zu nehmen und sogar bedrohlich, wenn ich beim Einkaufen als linke Zecke angepöbelt werde – „die sie schon noch kriegen“. Es macht was mit mir, und es lässt mich hoffen, dass sie mich nur an meinem auffällig grünen Mantel erkennen, den ich eben auch an den Wahlständen getragen hatte – und nicht an meinem Gesicht, das auf irgendeiner Hass-Liste der Nazi-Schläger-Gruppe abgebildet ist.
Am Morgen, nachdem ich im Einkaufszentrum angepöbelt worden war, war ich kurz davor, meinen grünen Mantel in den Schrank zu hängen und stattdessen eine unauffällige graue Jacke anzuziehen. Aber dann hatte ich doch einen für vor 8 Uhr morgens ungewöhnlich klaren politischen Gedanken in meinem müden Hirn, der mich beim Mantelweghängen überkam. Und dieser Gedanke ging so: Ich lasse die Nazis doch nicht meine Garderobe bestimmen. Ich lasse sie nicht in meinen Kleiderschrank und nicht in mein Denken. Und ich mag sie auch nicht in meiner Stadt rumpöbeln lassen. Und dann habe ich meinen grünen Mantel angezogen und die Pöbelei polizeilich angezeigt.
Vor drei Wochen haben in Deutschland 20,8 % der Wähler*innen AfD gewählt. In einer Wahlkampfauswertungsschalte feierte ein Parteifreund aus Ostsachsen das als Sieg der Demokratie – immerhin hätten doch 80 % der Deutschen nicht AfD gewählt. Mir persönlich war am Wahlabend eher nach Wodka als nach Champagner zumute. 46.100 Chemnitzer*innen haben ihre Stimme Alexander Gauland gegeben. Ein Wodka reicht da nicht. Weder hat sich Gauland im Wahlkampf hier blicken lassen noch hat er irgendwie Ideen geäußert, wie es den Menschen in Chemnitz besser gehen könnte. Und auch sonst kann doch niemand ernsthaft annehmen, dass dieser wandelnde Strickpollunder, dessen politisches Verfallsdatum bereits in den frühen 2000ern abgelaufen war, im Bundestag für Chemnitz irgendetwas Gutes bewirken könnte. Mal ganz abgesehen davon: Gauland hat sehr krude Ansichten zur NS-Zeit, zur Religionsfreiheit und zur Gleichstellung – aber das stört Stella und ihre Freunde wahrscheinlich wenig.
Im Nachbarwahlkreis Chemnitz-Umland haben 61.000 Menschen Maximilian Krah ihre Erststimme geschenkt – einem Politiker, gegen den Geheimdienste und Staatsanwaltschaft wegen Spionageverdachts in Richtung China und Russland ermitteln. Einem Politiker, der die SS verharmlost und bei jeder erdenklichen oder unerdenklichen Gelegenheit Trans-Menschen diffamiert und Migrant*innen verhöhnt. Wahrscheinlich ist Stella und ihren Freunden der offene Hass, den Krah versprüht, gar nicht egal. Wahrscheinlich finden sie ihn cool. Wahrscheinlich ist dieser Hass ein Teil der Antwort auf die Frage, warum es die Chemnitz-Revolte überhaupt gibt. Stella und Semino und Noah und Fabian und Marvin und Jim und Jason – und wie sie alle heißen (Grüße gehen raus an fleißige Antifa-Recherche-Kollektive) – sie alle folgen Maximilian Krah wahrscheinlich auf TikTok. Und dort erzählt er ihnen, was einen „echten Mann“ ausmacht und warum sie nie eine Freundin finden werden, wenn sie nicht rechts, stark und stolz sind. Und stolz zu sein, das heißt auch, stolz auf Deutschland zu sein – und nicht mitzumachen bei dieser entsetzlichen Erinnerungskultur. Und stolz zu sein, das heißt auf gar keinen Fall zu gendern, vegetarisch zu essen oder Lastenrad zu fahren, weil das machen ja nur hohle Linke. Starke rechte Persönlichkeiten lassen sich nicht vorschreiben, was sie essen sollen oder wie sie sprechen sollen. Starke rechte Persönlichkeiten lassen sich nicht vorschreiben, was sie tun sollen. Sie nehmen keine Befehle an. Alle Imperative prallen an ihnen ab. Und deswegen: Sei ein Mann! Wähl die AfD! Lass dir nichts bieten! Aber wähl die AfD! Echt jetzt? Sind die Jungglatzen wirklich solche Würstchen, dass sie einen alten Mann im Anzug für ihr jämmerliches Ego brauchen? Das funktioniert?
Liebe Freund*innen, ich habe es wirklich versucht. Ich habe für euch – für diesen Text – als Vorarbeit ernsthaft versucht, mir Krah und andere Nazi-Accounts auf TikTok ausgiebig und mit analytischem Blick anzuschauen. Aber ihr Lieben, ich schreibe diese Texte ohne Honorar, ehrenamtlich, aus Spaß an der Freude – und wenn ich für euch Nazi-TikTok konsumieren soll, müsst ihr mich wirklich bezahlen. Ehrenamt hat Grenzen – zum Beispiel die Schmerzgrenze oder den Brechreiz. Nach zehn Minuten war ich raus. Und ich nehme jetzt schon Schmerzensgeld an. Vielen Dank.
Aber auch ohne die ausgiebige Online-Analyse scheint es mir plausibel, dass der hassstärkende Algorithmus von TikTok und der überbordende Konsum der Hass-Videos auf junge Ostdeutsche einen schlechten Einfluss haben. In den von Lehrkräftemangel überforderten Schulen wird zudem zu wenig getan, um einen klugen Umgang mit Medien zu lernen. Lehrsätze wie „Daddeln ist schlecht“, „Handy macht dumm“ und „Wikipedia ist keine Quelle“ sind halt keine ausreichende Medienbildung in Zeiten von TikTok-Propaganda und Deepfake. Und natürlich sind nicht nur TikTok und die durch CDU-Politik vernachlässigten sächsischen Schulen Schuld daran, dass durch Chemnitz wieder Nazi-Schlägergruppen ziehen und die AfD hier über 30% holt. Die Ursachen sind freilich komplex. Die Eltern von Stanley und Oliver und Janik und Noah-Noel haben bestimmt gute Gründe, auf die da oben zu schimpfen, die wirklich mal bessere Politik hätten machen können, also Politik, die gerecht ist, bei allen ankommt, statt Privilegien zu versteinern. Vielleicht haben ja auch Baseball-Schläger in den Familien von Timion, Marco oder Sanny eine Art Familientradition und die Jungglatzen versuchen nur, in Papas Springerstiefel-Fußstapfen zu treten. Ich werde wahrscheinlich noch ein bisschen brauchen, um zu verstehen, worin die Ursachen liegen. Aber Stella, ich bleib dran.
Vor drei Wochen haben 80% der Deutschen nicht die AfD gewählt, das stimmt, lieber Parteifreund aus Meißen, die Zahl sagt halt nicht viel, schon gar nicht hier im Osten, in der Region der ehemaligen DDR, deren Staatsgrenzen sich auf Wahlauswertungskarten wieder ablesen lassen, nämlich dort, wo das Blau beginnt. In Köln II waren es zum Beispiel „nur“ 6,3%, die die AfD gewählt haben, bei dir in Meißen waren es 43,6%, und das ist nicht mal das krasseste Ergebnis in Sachsen. Und ganz ehrlich: Selbst 20% für eine rechtsextreme Partei wären 20% zu viel. Und leider kommen Menschen, die für ihre Analysen bezahlt werden, zu dem Schluss, dass die Tendenz der Ergebnisse steigend ist, dass der Westen nur ein paar Jahre hinterherhinkt in der Rechtsverschiebung und Kartenverblauung und Politikverbräunung.
Hier in Sachsen, dem Trendsetter des Demokratieverlusts, merken wir seit Jahren, dass jedes starke Ergebnis der AfD zu noch mehr Selbstbewusstsein der extremen Rechten auf der Straße führt. Drei Tage nach der Wahl, als wir mit den Frauen aus der Ukraine zur Mahnwache auf dem Markt standen, marschierte die Chemnitz-Revolte in einer Gruppe von über 10 gut trainierten, schwarz gekleideten, haararmen Faschos auf die Mahnwache zu. So sieht rechtes Selbstbewusstsein in Chemnitz aus und meine Freude über die 80%, die demokratische Parteien wählen, hält sich bei diesem Anblick in Grenzen, noch dazu, wenn man mitdenkt, dass unter den sogenannten demokratischen Parteien mindestens eine ist, die nicht weiß, dass man mit der AfD nicht zusammenarbeitet, wenn man im Geschichtsunterricht aufgepasst hat und daraus eine Vorstellung entwickelt, was passiert, wenn man Faschist*innen die Steigbügel hält.
Apropos Vorstellung: Das traurigste Gedicht, das ich im letzten Jahr gehört habe, hieß „Vorstellung“. Jede Zeile begann mit „Stell dir vor, Enrico“ und es war geschrieben aus der Sicht einer Person, vielleicht einer Transperson, die gerade verprügelt worden war. Ich hoffe so sehr, dass dieses Gedicht keine autobiografischen Züge hat, aber selbst, wenn es nur aus Angst geschrieben wurde, ist es traurig genug, wie vorstellbar rechte Gewalt wieder geworden ist. Und ja – wir müssen uns Gedanken machen, wie Stella und Enrico ihre Nazi-Karriere beenden können und vom rechten Pfad – vielleicht mit einem Umweg über den Jugendknast – zurück in ein gewaltfreies, demokratieachtendes Leben finden. Aber zuallererst möchte ich mir Gedanken darüber machen, wie die Autorin des Gedichtes „Vorstellung“, queere Chemnitzer*innen, Antifaschist*innen und alle, die nicht wie eine Kartoffel aussehen weiterhin in Chemnitz sicher sind. Das ist mir tausendmal wichtiger als deine komische Kinder-Gruppe, Stella, und die Frage, ob du Interviews geben solltest oder nicht.
Es ist wirklich nicht die Zeit für Demokratie-Champagner! Wir haben auch keine Zeit für klaren Schnaps. Wir brauchen einen klaren Kopf für Antifaschismus in den verschiedensten Erscheinungsformen und das in ganz Deutschland.

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