Ach, Chemnitz! Eine, na ja, sagen wir mal, Liebeserklärung an meine Stadt

„Liebe ist ein Verb“ – dieser Postkartenspruch lässt die Germanistin in mir so vehement mit dem Kopf schütteln, dass sie, also ich, ein Schleudertrauma zu befürchten habe. Nein, nein, nein – Liebe ist kein Verb. Liebe ist ein Substantiv und Schluss! Und ja, mir ist bewusst, dass es Paartherapeut*innen gibt, die erfolgreiche Therapiekonzepte auf diesem grammatischen Nonsense aufgebaut haben. Aber dennoch: Sollte ich einmal in die Situation kommen, eine Paartherapie absolvieren zu wollen, und sollte diese Therapie unter dem Motto „Liebe ist ein Verb“ stehen, dann tut es mir zwar sehr leid, Schatz, aber entweder wir suchen uns eine andere Therapeut*in, oder das war’s dann eben. Die Beziehung mit einer Grammatikenthusiastin wird nicht zu retten sein, indem wahllos grammatische Kategorien im Dienste halbgarer Metaphern verbogen werden. Wer mit solchen Therapieansätzen eine Beziehung kitten wöllte, hätte keine Germanistin ehelichen dürfen. Konjunktiv III, Liebster, Irrealis absolutus, das wird also nix.

Es ist natürlich möglich, dass ganze findige Sprachspezialist*innen unter euch schon seit drei Sätzen ungeduldig mit den Hufen scharren, weil sie es eigentlich kaum aushalten können, mich eines Logikfehlers zu überführen, der obendrein meine Beziehung retten könnte. Ja, ja, ich weiß doch, dass ihr anmerken möchtet, dass Liebe sehr wohl ein Verb sein kann, ein gebeugtes nämlich – Imperativ, Singular – also eine Aufforderung: Nun liebe doch endlich, aber zackig, du Schuft!

Ich weiß allerdings nicht, was ich von Liebe im Imperativ halten soll. Wäre es nicht viel besser, wenn sich Liebe selbstgesteuert, unaufgefordert, ganz ungebeugt entfalten kann? Braucht Liebe wirklich eine Aufforderungsform? Die Antwort ist leider: Manchmal schon! Für meine Liebe zu Chemnitz zum Beispiel war tatsächlich ein wenig Beugezwang notwendig. Ohne innere Imperative wären wir zwei – das alte Chamz und ich – wohl nicht warm geworden miteinander. Denn ich bin ja nicht hierhergezogen, weil ich mich in die Stadt verliebt habe, mit ihrem pittoresken Altstadtkern und dem Duft nach Freiheit in der Großstadtluft, die all die jungen Menschen, die hier leben, stets mit einem Lächeln durch die bunten Straßen schweben lässt.

Es war vielmehr völlig liebloser Pragmatismus, der mich hierhertrieb: Ich habe mich für Chemnitz entschieden, wegen der pittoresken Mietpreise in kernsanierten Altneubauten und dem Duft nach zulassungsfreien Studiengängen, in denen bestimmt viele junge Menschen all ihre studentischen Freiheiten ausleben, auch wenn wirklich junge Menschen bei meinem ersten Chemnitz-Besuch einfach nirgendwo zu sehen waren oder sich erfolgreich als grau ondulierte Langzeitstudenten in Beige tarnten.

Nein, Liebe auf den ersten Blick war es nicht. Aber die Entscheidung für Chemnitz war nun mal gefallen, und jetzt wollte ich diese Stadt in meinem Positiv-Fatalismus auch gut finden, jetzt wollte ich diese Stadt lieben, irgendwie, auch wenn es schwerfiel, und das ging nicht so ganz ohne innere Imperative! Liebe diese Stadt, schärfte ich mir ein!

Seitlicher Blick auf die orangen und grünen Balkons eines fünfstöckigen Plattenbaus in Chemnitz
Liebe den Plattenbau!

Liebe den Plattenbau. Unsere erste Wohnung war spottbillig, hatte knapp 60 Quadratmeter, und diese Quadratmeter waren weder an Küche noch an das Bad (will sagen Nasszelle) verschwendet. Als wir die Wohnung besichtigten, drehte sich die Maklerin übrigens im Flur auf ihren Absätzen einmal im Kreis, schleifte dabei erst links, dann rechts die Wand, briet mir in der Drehung ihre Handtasche über den Kopf, denn fürs Wegducken war einfach kein Raum, und sprach mit stolzer Stimme, als zeigte sie uns das Bernsteinzimmer: „Das ist der Vorsaal!“ Mein Kichern verhallte schnell, denn in den wenig saaligen Vorhallen war zu wenig Resonanzraum, und der strenge Blick der Maklerin tat sein Übriges. Ich ahnte damals noch nicht, dass Vorsaal kein Maklereuphemismus war, sondern einfach der wunderschöne sächsische Ausdruck für Flur. Und ich merkte sehr bald, dass es unfassbar viele solcher schönen sächsischen Wörter gibt und hörte dann auch auf, mich als junge Mutter zu wundern, wenn ich gefragt wurde, ob ich mit der Kutsche da sei. Wieso und wie sollte ich denn einen  Kinderwagen in ein Pferdefuhrweg packen. Es war doch schon schwergenug  den Nachwuchs auf Rädern aus der damals noch nicht barrierefreien Straßenbahn zu wuchten. Die Tatsache, dass sich unter den Chemnitzer*innen nicht immer jemand fand, der mir beim Heben der Kinnerkutsch helfen mochte, konnte einer aufkeimenden Liebe zu sächsischen Wörtern dennoch keinen Abbruch tun. Liebe den Vorsaal, rief es in mir, liebe die Kinnerkutsch, liebe das Buzeln, liebe die Tatsache, dass Menschen sich ein infinitives „Schmecken lassen“ an den Kopf raunzen, um sich von Herzen guten Appetit zu wünschen. Die Imperative wirkten. Eine junge Liebe zur schönen Spannung sächsischer Vokale war entflammt. Die schlechte Laune so mancher Sprechender der sächsischen Wohlvokale allerdings stellte ein Hemmnis dar, bei dem Versuch, das Flämmlein der Sprachliebe zu einer lodernden Stadtliebe werden zu lassen.

Aber, aber, die Chemnitzer*innen sind doch nicht übellauniger als andere, könntet ihr mir jetzt entgegenhalten. Doch, doch, muss ich da leider entgegnen, sie sind es und ich habe Belege: „Nein, wir sind nicht zu faul zum Mähen, hier entsteht eine Blühwiese.“ steht zum Beispiel auf einem Schild im Chemnitzer Tierpark, und man kann nur erahnen, dass es die allzu freundlichen Rückfragen, die Arbeitsmoral des Tierparkpersonals betreffend, ausgesprochen durch vor Wohlwollen und Heiterkeit strotzende Besucher*innen waren, die diesen schönen Schriftzug motiviert haben.

Selbst die Tatsache, dass wir Kulturhauptstadt sind, mag ja bei vielen Chemnitzer*innen den tiefsitzenden Grundmuffel nicht auflockern. Bei den einen ist maximal die Nackenmuskulatur gut gelockert vom vielen Kopfschütteln über Autos im Teich und Därme im Park, und das, obwohl Blechschrott in Gewässern und Verdauungsthematiken auf Wiesen ja für Chemnitz mitnichten neu sind – aber soll das Kunst sein und unsere Steuergelder und die da oben, nee, nee, nee … Und die andere Hälfte von Chemnitz benimmt sich, wie ich just jetzt, die ich mich immerzu aufrege über Menschen, die sich immerzu aufregen. Chemnitz ist einfach eine aufregende Stadt.

Happy Kulturhauptstadt!

Dass ich zwischen Aufregungsaufregen, Naziaufmärschen, Schlüpfermärkten und dem architektonischen Trauma, das durch 90er-Jahre-Fehlentscheidungen in der Stadtentwicklung in mir hervorgerufen wird, wann immer ich an der Galerie Roter Turm vorbeigehe, dass ich zwischen all diesen Einflüssen dennoch letztendlich geschafft habe, mir eine ehrliche Liebe zu dieser Stadt aufzuerlegen, liegt zum einen an der langsam gereiften Erkenntnis, dass es in Chemnitz ja sehr wohl schöne Ecken gibt, und in all diesen Ecken kann man wohnen, weil überall Wohnungen frei sind, für die zudem ein Mietpreis verlangt wird, für den man in München nicht mal einen halben Fahrradstellplatz bekommt, aber immerhin wissen die in München, was Fahrradstellplätze sind, während das in Chemnitz erklärungsbedürftig ist und natürlich völlig unumsetzbar, wenn dafür ein heiliger Autoparkplatz weichen müsste – und damit bin ich aus Versehen mitten in meiner Liebeserklärung schon wieder abgebogen in bittere Stadtkritik. Aber nein, Stopp, Halt! Liebe ist ein Imperativ! Liebe diese Stadt mit all ihren Parkhäusern und bezahlbaren Altbauwohnungen.

Zum anderen wächst in mir wahrlich heiße Chemnitzliebe an Tagen wie dem Kosmos oder dem Friedenstag, Tage, die von Menschen gestaltet werden, die ein wundervolles Miteinander erschaffen, vielleicht aus Trotz, aber definitiv mit ganz viel Liebe, quasi als Eigentherapie für die Verbesserung der schwierigen Beziehung zur Heimatstadt. Vielleicht kann ja das gesamte Kulturhauptstadtjahr im Endeffekt für uns alle eine solche Wirkung entfalten. Vielleicht kann die Kulturhauptstadt unser aller Beziehung zu Chemnitz stadttherapeutisch heilen. Wenn alles gut geht, haben wir vielleicht schon bald alle immerzu gute Laune, tanzen durch eine Innenstadt voller bunter, heiterer Menschen, und es erblühen überall duftende Blühwiesen mit fröhlichen Schildern, auf denen zu lesen ist: „Jawohl, hier entsteht eine wunderschöne Blühwiese, und zum Glück müssen wir diesen Scheißgrünstreifen deswegen nie wieder mähen, ha!“

Wenn die Therapie wirkt, ernten wir bald keine mitleidigen Blicke und traurig getätschelte Schultern mehr, sondern nur noch puren Neid, wenn wir erzählen, wo wir herkommen. Wenn unsere stolzen Liebeshymnen auf Chemnitz allerdings allzu sehr fruchten, dann will vielleicht plötzlich die ganze Welt hierherziehen, vor allem wenn wir in den Liebesschwüren die Mietpreise erwähnen, weil wir es gewohnt sind, uns für die eigenartige Lebensentscheidung, ausgerechnet in Chemnitz zu leben, mit freien Kitaplätzen und niedrigen Mietpreisen zu rechtfertigen. Und wenn die ganze Welt dann hierherzieht, dann steigen die Mietpreise, und dann werden wir ein zweites Leipzig, nur weniger hübsch und ohne ICE. Und wieder: Halt! Stopp! Schluss mit dem Lokalpessimismus. Liebe deine Stadt, verdammt nochmal! Oder lass doch einfach die Kulturhauptstadt wunderbar wirken. Das ist und wird die beste Beziehungstherapie, die uns Chemnitzer*innen zuteil werden kann. Und ich merke, es funktioniert bereits: Ich fühle wie Optimismus in mir aufsteigt, ich beginne zu lächeln und werde es ein Jahr lang ununterbrochen tun, es sei denn, jemand überschreibt die Kulturhauptstadttherapie mit dem Motto „Chemnitz ist ein Verb“. Dann war’s das mit der Liebe! Dann ziehe ich nach Leipzig, falls ein Zug kommt. Dann ist es mit mir und Chemnitz vorbei! Grammatik schlägt Kulturhauptstadt, aber sie ist immerhin  definitiv die Einzige, die das vermag. Von allen anderen lassen wir uns die gute Laune in diesem Jahr nicht vermiesen. Wir lieben diese Stadt! Wir lieben Chemnitz. Und in diesem sich immer noch eigenartig anfühlenden Satz immerhin ist lieben wahrlich ein Verb!