Ostperspektive in Bündnisgrün – Folge 3: Die Brüder und Schwestern aus dem Westen

Wie viele Menschen passen auf unsere Terrasse? Im Sommerwahlkampf in diesem Jahr war unsere Antwort auf diese Frage ganz klar: Ja!
Völlig ermattet von der Hitze und mit schmerzenden Gliedmaßen, die den ganzen Tag Flyerbeutel getragen, Plakate geschleppt und am Laternenmast hochgeschoben hatten, haben wir etliche Sommerabende auf unserer Terrasse zu Hause verbracht, bei Bier, Tiefkühlpizza oder – wenn irgendwer noch Kraft zum Kochen hatte – maximal Nudeln. Kulinarisch wertvoll waren die Abende sicherlich nicht, aber inhaltlich gehaltvoll waren sie definitiv, denn wir waren auf unserer Terrasse nicht unter uns, sondern wir saßen dort viele Abende gemeinsam mit Wahlkampfurlauber*innen aus westdeutschen Bundesländern, die nach Chemnitz gereist waren, um uns dabei zu helfen, die Demokratie zu retten.

Die Abende auf der Terrasse und die Tage auf der Straße mit Menschen aus Düsseldorf, Karlsruhe, Nürnberg, Hamburg, Hannover und Berlin (wobei freilich Berlin wie immer ein bissl aus der Westreihe fällt) sind mir in wärmster Erinnerung. Wenn ich jetzt auf meine Terrasse schaue, ist es dort grau und kalt, wie ein trauriger Sarkophag stehen die mit einer dunklen Folie abgedeckten Terrassenmöbel und warten auf den Frühling. Richtig warm wird mir ums Herz, wenn ich daran denke, wie an dieser Stelle im Sommer Tische voller Gläser und Kerzen und Pizzakartons standen, um die alle Stühle und Hocker, die wir in der Wohnung gefunden hatten, versammelt waren, teilweise in zweiter Reihe und gänzlich in guter Laune. Da meine Terrasse zu einem gut umbauten Hinterhof hinausweist, kennen jetzt sicherlich auch all unsere Nachbarn Details zum Wahlkampf, zu unserer Motivation, Politik zu machen, zu den Unterschieden und den vielen Gemeinsamkeiten dabei in allen Himmelsrichtungen der Republik. Die Sommergespräche auf unserer Terrasse sind übrigens Hauptquelle für die Themen dieser Texte. Denn was an dem, was wir hier tun, vielleicht spezifisch ostdeutsch und erzählenswert ist und worin Erklärungsbedarf liegt, haben wir lang (nicht selten bis in die Morgenstunden) und breit (von der Hitze, den langen Tagen und ein bisschen auch vom Begegnungsschnaps) diskutiert und dabei alle viel gelernt und noch mehr gelacht.

Begonnen hat der bunte Begegnungsreigen auf dem Bundesparteitag vor über einem Jahr. Thüringen, Brandenburg und Sachsen hatten einen Stand im Foyer, in dessen Zentrum eine grüne Deutschlandkarte stand, die sich im Laufe der Parteitagtage mit Stecknadeln füllte, die mit Fäden verbunden wurden. Dazu, ein bisschen wie bei einer Partnervermittlung, gab es einen Hefter mit Steckbriefen hilfsbedürftiger ostdeutscher Kreisverbände, die mit schlagkräftigen Argumenten um die Unterstützung hilfsbereiter Westgrüner warben:
Wie wäre es mit den Grünen aus Greiz, dem Wahlkreis von Höcke – hier wird Hilfe dringend gebraucht … Oder wir hätten da noch die Sächsische Schweiz, Ursprung zahlreicher AfD-Direktmandate, oder vielleicht doch lieber das brandenburgische Prignitz, wo völkische Siedler*innen (die gendere ich extra und aus reiner Bosheit) esoterisch gegen Juden hetzen, während sie um ein Kuhhorn tanzen … „Bei uns ist es am schlimmsten“, lautete das Lockargument im Hilfehefter, aber – man kann hier richtig schön wandern.

(Ich muss an dieser Stelle dazu sagen, dass ich nicht mehr weiß, wer außer uns genau in diesem Hefter vertreten war, weil ich beim Durchblättern noch nicht wusste, dass ich darüber einmal schreiben werde, und ich war ja schließlich nicht die Zielgruppe, sondern nur die Konkurrenz. Die Beispiele aus dem Hefter sind also frei erfunden, aber kommen dem, was im Vermittlungshefter der Partneragentur Ost stand, meine ich, schon ziemlich nah.)

Wenn ich am Stand war, war aber der Hefter völlig unnötig, denn dann schnappte ich mir mit meinem ganzen Charme und allen Geschichten, die mir zu Hetzjagden und aufrechten Antifaschist*innen einfielen, alle Westgrünen, die sich näherten, und konnte mit erfreulich vielen Pinnnägeln und Bindfäden nach Chemnitz richtig gute Deals einloggen – oder um aus dem Verkaufs-Sprech herauszukommen: Das war in einigen Fällen tatsächlich der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

In Ansätzen erinnert gefühlt habe ich mich aber doch an die 90er Jahre, an meine Eltern, die meist dankbar, aber manchmal auch ein wenig brüskiert die Unterstützung durch unsere christlichen Schwestern und Brüder aus dem Westen abends auf einer anderen ostdeutschen Terrasse auswerteten. Denn schon damals gab es Unterstützungswellen für den Osten – damals unter anderem organisiert durch die evangelische Kirche. Und auch damals kam Besuch, mit dem Willen zu helfen, aber manchmal eben auch mit einer beinahe voyeuristischen Abenteuerlust („Wollen wir doch mal schauen, wie schlimm es da drüben ist“), und manchmal auch mit einer Hilfsbereitschaft, die von oben herab Hilfe schüttet – mildtätig und gespickt mit guten Ratschlägen – aber man kann hier immerhin sehr schön wandern.

Als von der Bühne des Bundesparteitages dazu aufgerufen wurde, den Osten vom Westen aus zu retten, hatte ich ein bisschen Angst, dass dieser Teil der Westhilfe sich wiederholen könnte – meine Ängste blieben allerdings gänzlich unbegründet. Denn nahezu alle, die bei uns ankamen, kamen mit Offenheit, Herzlichkeit und nicht nur einer immensen Bereitschaft zu helfen, sondern auch dem Willen zu lernen und zuzuhören. Und sie gingen als Freund*innen und in Dankbarkeit für eine intensive, tolle Zeit und für wunderbare Erinnerungen.

Gemeinsam haben wir bis in die Nacht höchst kreative Kommentarplakate gemalt – auf denen wir hübsche Antworten zu hässlichen AfD-Plakaten geschrieben haben, um sie dann gemeinsam am nächsten Tag unter genau diese hässlichen Plakate zu hängen. Ein wunderschöner Sandmann (übrigens wahrscheinlich der erfolgreichste Ostdeutsche aller Zeiten) mit dem Slogan „Rettet den Sandmann“ hing dann zum Beispiel unter der Forderung nach GEZ-Abschaffung und verschönerte damit definitiv die grau-blaue Umgebung. Mit aus Düsseldorf mitgebrachten Müllzangen in der Hand und Flyern in den Umhängetaschen zogen wir durch unseren Stadtpark, und beim Bastelstand auf dem Gartenfest im Kleingartenverein bekamen unsere Westfreund*innen mit gleich zwei Schalmeienorchestern die volle Ostdröhnung. Niemand war enttäuscht, dass dort tatsächlich alle nett zu uns waren, obwohl sie eigentlich eine Safari mit wütenden Nazis gebucht hatten.

Ich selbst bekomme gerade richtig gute Laune, wenn ich an den Sommer denke und daran, wie viel Spaß wir gemeinsam hatten und was für wunderbare Menschen hier bei uns waren, wie gigantisch und wirkmächtig ihre Hilfe war und wie grandios es ist, dass daraus Beziehungen entstanden sind, die halten. Wenn wir Bündnisgrüne Reden halten oder Rundbriefe schreiben, beginnen wir gern mit „Liebe Freund*innen“ und ganz ehrlich – wir meinen das nicht immer.

Aber mit Bezug auf die Menschen, die im Sommer hier waren und die zum Teil im Januar sogar wiederkommen, stimmt die Anrede „Freund*innen“ definitiv. Und das sage ich nicht, weil wir etwas davon hatten und weil so weit mehr Flyer in den Briefkästen und Plakate an den Masten sind, als wir allein je geschafft hätten. Die Freundschaft und Dankbarkeit erstreckt sich weit über das Zählbare (auch wenn wir für alles Zählbare, auch für die Spenden, ebenso enorm dankbar sind). Die Dankbarkeit betrifft die Inspiration durch Berichte über Aktionen und Formate in anderen Kreisverbänden, sie betrifft das Wissen darum, dass überall in Deutschland herzensgute Menschen für die gleiche Sache mit unterschiedlichen Methoden und Bedingungen streiten. Die Dankbarkeit entspringt aus dem Gefühl, Teil einer vielfältigen bündnisgrünen Gemeinschaft zu sein, die stärkt.

Wenn ihr also, liebe Freund*innen, liebe Brüder und Schwestern aus dem Westen, im Winterwahlkampf nicht wisst, wohin mit euren Wochenenden, besucht uns gern. Wenn ihr nicht wisst, wohin mit eurem Geld, spendet gern. Wenn ihr meine Terrasse kennenlernen wollt, kommt lieber im Sommer. Aber auch im Winter werden wir wieder kreativ und malen bestimmt wieder Antwortplakate, beflyern Plattenbausiedlungen – was gigantisch ist, weil es dort außenliegende Briefkästen mit bis zu 40 Schlitzen pro Eingang gibt. Und außerdem tritt hier Gauland als Direktkandidat an, der Kulturhauptstadt haben die Nazis mit Großdemos den Kampf angesagt, und unsere Großflächen sind sicherlich wieder Kreativraum für rechte Sprayer*innen (!), die schon in den Startlöchern sitzen, um Hakenkreuze-Sprühen zu üben … Ihr merkt, wir brauchen weiterhin Unterstützung, um hier die Demokratie zu retten. Und wenn ihr immer noch nicht überzeugt seid, dann hilft vielleicht das: Man kann hier selbst im Winter richtig schön wandern.